Interview mit Tony Fuchsbauer
Antonia „Tony“ Fuchsbauer ist ehemalige Sportklassenschülerin des Deutschhaus-Gymnasiums. Vor zwei Jahren hat sie erfolgreich ihr Abitur am DHG absolviert. Die 19-Jährige spielt bereits seit zehn Jahren Basketball und feierte schon so einige Erfolge. Bei ihrem ersten Bayernauswahl Turnier, hat sie sich für das finale Turnier, als eine von insgesamt 46 Spielerinnen, in Heidelberg qualifiziert und gehörte damit zu den Top 46 aus Deutschland. Des Weiteren wurde sie deutscher Vizemeister beim Bundesjugendlager 2018 mit dem Bayernauswahljahrgang 2003. Zuletzt war sie bei den Qool Sharks Würzburg in der 2. Bundesliga im Einsatz, nun ist die Basketballerin jedoch schon seit drei Monaten in Kanada. Dort studiert sie Englisch an der Mount Royal University und spielt in deren Uni-Team, welche sich Mount Royal Cougars nennen, als Point Guard Basketball.
Das Gespräch führte Lea Schirmer (Q12);
Tony, du bist jetzt schon seit zwei Monaten in Kanada. Ist es dir schwer gefallen deine Familie sowie Freunde zurückzulassen?
Klar ist es mir schwer gefallen Familie und Freunde zurückzulassen, da ich auch echt weit weg bin. Dazu noch der Zeitunterschied von 8 Stunden hier in Kanada im Vergleich zu Deutschland, was schon hart ist, da in Deutschland die meisten schlafen, wenn ich wach bin. Doch mit meinen engsten Freunden und natürlich auch meiner Familie stehe ich in engem, regelmäßigem Kontakt und man findet trotz des großen Zeitunterschieds Gelegenheiten sich auf dem Laufenden zu halten.
Viele Studierende zieht es in die USA zum Studieren. Du bist aber in Kanada gelandet, wie kam es dazu?
Also insgesamt hatte ich zwei Universitäten in Kanada und auch verschiedene Optionen in die USA zu gehen, wo ich auch über viele gute Beziehungen zu den Coaches verfügt habe. Doch als es zur Entscheidung gekommen ist, wurden viele Coaches ziemlich unfreundlich, da ich ja meine große Fuß OP letzten Sommer hatte und ich zu spüren bekommen habe, wem von ihnen es wirklich um die Person geht und wem es hauptsächlich ums Geschäft geht. Aus diesem Grund habe ich mich letztendlich auch für die MRU entschieden, da Robyn (Tonys Cheftrainerin) diejenige war, die mich am meisten unterstützt hat. Der Kontakt wurde durch Janet-Fowler Michel hergestellt, die mit der Chefin der Sportabteilung früher in der kanadischen Nationalmannschaft gespielt hat, doch die Entscheidung ist ausschließlich aufgrund meines Head Coaches Robyn gefallen.
Spürst du persönlich einen Unterschied bezüglich des Leistungsdrucks im Vergleich zu Würzburg?
Es ist nicht so, dass der Leistungsdruck in Würzburg höher war als er hier in Kanada ist, doch dadurch dass wir von mental Performance Coaches (Sportpsychologen) unterstützt werden, die uns helfen mit dem Druck umzugehen, hat man das Gefühl, dass der Leistungsdruck in Würzburg höher war, weil man diese Hilfe aus Würzburg nicht kannte. Generell ist der Druck, den man sich selbst macht, immer am höchsten, wie auch bei mir. Denn keiner erwartet hier so viel von mir, wie ich von mir selbst und dafür sind die mental Performance Coaches wirklich hilfreich, da sie uns in diesem Bereich maßgeblich unterstützen. Doch es ist keinesfalls so, dass hier von einem nicht viel erwartet wird, ganz im Gegenteil, jedes Training ist ein reiner Kampf und man muss sich bei jeder einzelnen Trainingseinheit richtig reinhängen, um zu beweisen, dass man hierher gehört und es verdient, am Wochenende ein Trikot anziehen zu dürfen. Wir sind insgesamt 18 Spielerinnen hier und nur 12 dürfen am Spieltag auf dem Feld stehen. Einen solchen Platz muss man sich also wirklich hart erkämpfen.
Wie unterscheiden sich die beiden Mannschaften bezüglich des Trainings und der Wettkämpfe?
Das Training hier ist äußerst intensiv und dadurch dass natürlich alle am Wochenende spielen wollen, gibt hier jeder mehr als 100%. Man muss auch sagen, dass das Training hier meistens anstrengender ist als die Spiele. Bezogen auf die Qool Sharks ist es vor allem so, dass man in Würzburg mit Leuten zusammengespeilt hat, die diese ganze Erfahrung und das ganze Wissen schon haben und man von diesen Spielern gelernt hat. Hier wiederum lernt jeder noch, hier ist noch niemand ein „fertiger“ Spieler in dem Sinn. Alle sind noch in ihrer Entwicklungsphase und meiner Meinung nach hilft einem das auch weiter, da es viele Momente gibt, in denen nachgefragt wird, warum man in dieser Situation ausgerechnet so gehandelt hat und nicht anders. Und dadurch dass man das daraufhin erklären muss, lernt man dabei auch selbst das Spiel besser zu verstehen. Noch ein Unterschied ist, dass hier in Kanada sehr viel Wert auf Kraft- und Athletik-Training gelegt wird, da die Spielerinnen hier körperlich sehr stark sind.
Ein Beispiel: Wir machen immer eine Kraftübung, die sich Deadlift nennt, ich führe diese mit 100kg aus, was schon viel für mich ist. Eine andere Spielerin, welche die gleiche Position spielt und nun in ihrem fünften Jahr hier ist, macht diese Übung mit 160kg.
Du hast ja ein Sportstipendium erhalten. Viele Sportklassenschüler träumen auch von einem Sportstipendiat. Welche Voraussetzungen muss man denn erfüllen und wie sah dein Bewerbungsplan aus?
Eine Voraussetzung ist es natürlich ein gewisses sportliches Niveau zu haben. Aber das schulische ist auch extrem wichtig. Auch ich hätte nicht gedacht, dass es eine so große Rolle spielt. Auf den Videos sehen sie, ob du sportlich geeignet bist oder nicht und kontaktieren dich dementsprechend, aber das Erste, was sie fragen ist, ob man in der Schule gut ist, da muss man echt on Point sein. Es ist auch so, dass eine Spielerin, die in der Schule nicht abliefert und schlechte Noten hat, aus der Mannschaft fliegt, kein Geld und auch kein Stipendium bekommt. Von Vorteil ist es, wenn man gut mit den Trainern umgehen kann und es schafft, diese von sich selbst zu überzeugen, dass man das wirklich will und es der Traum von einem ist. Bezüglich des Ablaufs geht es in Deutschland immer los, wenn du in der 11. Klasse bist, denn ab dem 1. September dürfen Coaches dich für ihre Uni kontaktieren. Dann musst du Dinge wie highlight Videos, Lebenslauf, deine Ziele, also was du erreichen willst und deine Vorstellungen bereithalten. Im nächsten Schritt kontaktieren dich dann die Coaches oder du kontaktierst sie, wenn es ein Programm gibt, in das du unbedingt rein möchtest. Daraufhin werden Verbindungen geknüpft und es erwarten einen viele Videoanrufe, vor allem wenn man aus Deutschland kommt. Wenn das gut läuft, lernst du auch ein paar Spieler kennen, denen du Fragen stellen kannst und hast dann ein Meeting mit einem Studienberater, wie deine schulische Laufbahn an der Uni aussehen könnte. Weiter geht es dann mit einem Besuch. Du wirst eingeflogen, darfst dir die Uni anschauen und bist wahrscheinlich an einem Wochenende da, um auch zu sehen, wie ein Spieltag abläuft. Man wird dort rumgeführt, bekommt alles gezeigt und lernt die Mannschaft kennen. Und wenn alles passt, erhält man dann ein Vertragsangebot.
Wie sieht ein Tag der Tony Fuchsbauer in Kanada aus?
Ein typischer Tag von mir sieht so aus, dass ich um 5:40 Uhr aufstehe und eine Stunde ein zusätzliches Krafttraining ohne das Team mache. Danach habe ich eine Stunde Training, dienstags mit der ganzen Mannschaft, an den anderen Tagen wird dieses mit einem von den Assistenztrainer allein und individuell gestaltet. Dann habe ich um 8:30 Uhr Unterricht bis 10 oder 11 Uhr und daraufhin folgen meistens Meetings mit unserem mental Performance Coach oder unserem Head Coach, was ich zum Beispiel verbessern muss oder an welchem Punkt ich gerade stehe. Wenn ich viel von der Uni erledigen muss, bleibe ich dafür meistens in der Schule oder auch wenn ich lernen muss. Wenn das aber nicht der Fall ist, gehe ich Nachmittags nach Hause, um mir was zum Mittagessen zu machen. Vor dem Training lege ich immer noch eine Lerneinheit ein und danach geht es dann auch wieder zum Training, man muss nämlich immer eine Stunde vor Trainingsbeginn da sein. Dort gehe ich dann zu den Physiotherapeuten. Sie tapen mir meine beiden Füße, mein Rücken wird mit Wärme behandelt und sie führen mit mir meine Stabilitätsübungen durch. Zweimal die Woche haben wir als Mannschaft eine einstündige Einheit Gewichtheben, darauf folgt ein zweistündiges Training und eine halbe Stunde Team-Meeting. Manchmal stehen noch Videoanalysen an und hinterher wird man wieder bei den Physios vorstellig. Dort bekommt man dann Massagen für die ganzen kleinen „Wehwehchen“ und wenn das erledigt ist, gehe ich abends nach Hause, da wird noch schnell etwas gegessen. Was die meisten Sportler hier machen, ist, dass man sich zusammen zum Lernen in der Bücherei trifft. Dort bleiben wir dann immer bis 23.00 oder 24.00 Uhr, manchmal auch bis um ein oder zwei Uhr, weil man sonst nicht alles schafft, dann wird aber schlafen gegangen und am nächsten Tag startet alles wieder von vorne.
Als ehemalige Sportklassenschülerin weißt du nur zu gut, wie einem geholfen wird, die Schule neben dem Sport gut meistern zu können. Wie kommst du nun zurecht mit dem Basketball und deinem Studium parallel?
Ja! Man muss sagen, dass ich hier einen klaren Vorteil habe, wenn es um das Zeitmanagement geht, weil ich es einfach vom Deutschhaus gewohnt bin, dass man vieles selbst organisieren muss, um der Schule und dem Basketball gleichermaßen gerecht zu werden. Aber man bekommt hier auch sehr viel Unterstützung, vor allem mein Head Coach Robyn hilft mir bezüglich der ganzen Termine sehr weiter, weil es echt viel ist und es leicht passieren kann, mal etwas zu vergessen. Außerdem haben wir wöchentliche Videocalls, in denen uns gesagt wird, was die Woche ansteht, wann die Tests sind und wann man mit dem Lernen anfangen muss. Außerdem haben wir auch eine persönliche Assistentin, die uns an die Abgaben oder Registrierungen erinnert. Wir können aber auch jederzeit mit unseren Professoren reden, wenn man eine Abgabe beispielsweise nicht rechtzeitig schafft, weil man am Wochenende Spieltag hat und bekommt dann eine Verlängerung; da sind die Professoren sehr verständnisvoll. Man muss aber auch dazu sagen, dass hier beinahe immer Doppelspieltage anstehen, also man fast das ganze Wochenende in der Halle ist.
Wie kommst du mit der Kultur in Kanada zurecht?
Die Menschen hier sind alle unglaublich nett, was natürlich sehr weiterhilft. Was ich aber nicht so gerne mag, ist das Essen hier (schmunzelt). Es gibt hier hauptsächlich große Fastfood Ketten wie man es aus Amerika kennt, also vieles ist sehr ungesund. Aber ansonsten ist die Kultur hier in Kanada schon okay (erneutes Schmunzeln).
Ich habe auf Instagram gesehen, dass du dich während der Schulzeit für das Fotografieren begeistern konntest. Was machst du heute neben dem Basketball in deiner Freizeit?
Ich muss ehrlich sagen, dass ich hier nicht besonders viel Freizeit habe, weil der komplette Tag eigentlich durchgeplant ist und wenn wir mal Freizeit haben, erledigen wir Dinge wie Lebensmittel einkaufen, Wäsche waschen oder die Wohnung putzen, also man hat eigentlich immer was zu tun. Wenn wir dann tatsächlich mal Zeit haben, unternehmen wir meistens etwas mit den anderen Sportlern oder hängen einfach zusammen ab. Ganz selten, wenn ich dann doch mal etwas Zeit habe, schreibe ich ein bisschen. Ich bin ja so ein bisschen Gedicht- und Kurzgeschichtenschreiber und wenn ich da mal einen guten Gedanken habe in der ganzen Hektik, wird der mal aufgeschrieben. Aber sonst habe ich leider nicht so viel Zeit für andere Dinge.
Und eine letzte Frage: Was sind deine weiteren Ziele für die Zukunft?
Das nächste Ziel ist es auf jeden Fall hier erstmal gut in die Mannschaft einzufinden und viel Spielzeit zu bekommen. Ein riesiges Ziel ist es für die Uni hier eine Medaille zu holen, weil das bisher noch nie geschafft wurde. Nach wie vor habe ich natürlich den Traum, irgendwann auch mal in der Nationalmannschaft zu spielen. Und mein Ziel nach Mount Royal ist es, irgendwo professionell Basketball zu spielen, entweder in Europa oder Amerika. Das wäre so mein größtes Ziel für die entfernte Zukunft.
Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg dir in Kanada.